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Magazin #4 Frau

"Trauen Sie nie einer Frau, die Mauve trägt, wie alt sie
auch sein mag, oder einer Frau über fünfunddreißig,
die auf rosa Bändchen versessen ist."
Oscar Wilde, in: Das Bildnis des Dorian Gray, Band
1, S. 116. Sämtliche Werke in sieben Bänden. Herausgegeben
von Norbert Kohl. Insel Verlag Frankfurt am Main 1982.

1 Musik.
2 Interview: QUIO + Chris
Köver/ Missy Magazine
+ Herr Wild.
3 Unser Magazin-Blog
mit weiteren Beiträgen zum Thema Frau.
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Die ERSTE AUSGABE des Missy Magazine (Print) gibt es ab Mitte Oktober
am Kiosk und kann bereits über die Website
abonniert werden!
1 pussy pussy pussy pussy pussy tail
Zusammenarbeit: Erdbeerfeld
feat. QUIO!



2
Interview:
Druckversion
Was verbindest Du zurZeit mit dem Thema
frau, was bedeutet frau oder frau-sein für Dich ... nenne ein
paar Assoziationen ...
Missy Magazine
* Unser neues Frauenmagazin "Missy",
das am ersten Oktober erscheint.
* Frau-Sein ist für mich immer eine Rolle, die man spielt –
mal mehr, mal weniger bewusst. Ich denke zur Zeit viel darüber
nach, wie man diese Rolle auf unterschiedliche Arten spielen kann.
Ob ich bei einem Termin im Hosenanzug auftauche oder in Jeans und
Turnschuhen, ob ich lächele oder nicht, ob ich mich zurücklehne
und mit ruhiger Stimme spreche oder vorne auf der Stuhlkante rumhibbel,
das macht einen großen Unterschied.
QUIO
Zuallererst: Ich BIN keine Frau. Definitionen anderer über
einen selbst hinaus reduziert auf einen oder mehrere kleinste gemeinsame
Nenner bedeuten immer Eingrenzungen, die ich für mich ablehne.
Frau-Sein bedeutet für Personen mit Doppel X-Chromosom im Spannungsfeld
sozialer und kultureller Zuweisungen zu leben. Ein Versuch sich
davon zu befreien, oder sich zu fügen.
Frau sein? was soll das sein?
"Frau sein" steht im allgemeinen Wortgebrauch eher für
eine Reihe von Befindlichkeiten und Charaktereigenschaften. Die
Zuweisung bestimmter psychischer und physischer Merkmale.
Ich denke, beim "Frau sein" geht es weniger darum, etwas
zu "sein", sondern darum, dass Frauen mit den (z.B. charakterlichen)
Zuweisungen umgehen müssen.
Das "Frau sein" an sich gibt es natürlich trotzdem
nicht, denn die gesellschaftliche und soziale Definition variiert.
Gemeinsam ist Frauen weltweit, dass sie geringere Einkommen als
Männer haben, und mit frauenfeindlichen Traditionen und Gesetzgebungen
zurecht kommen müssen.
Herr Wild
Frauen sind überall. Sie verändern etwas in oder an Männern
durch ihre Anwesenheit. Frauen haben Einfluss auf das Geschehen.
Egal auf welches. Männer machen Dinge für Frauen, Frauen
machen Dinge für sich. Frauen sollten selbstverständlicher
mit ihrem Wesen und ihrem Sein umgehen. Keine Männerrollen
nacheifern - lieber Frauenrollen für dieselbe Situation/Position
finden. Frauen brauchen Männer, um Frauen sein zu können.
 
v.l.n.r.:
Sonja Eismann,
Chris Köver,
Stefanie Lohaus
wie äußert sich Dein frau-sein
bezüglich Deines Schaffens und oder Deines Alltags?
Missy Magazine
Naja, als Teil meines Alltags
äußert es sich in ziemlich jedem Moment, in dem ich mit
anderen Menschen zu tun habe. Klar, meine Identität ist nicht
allein dadurch bestimmt, dass ich eine Frau bin; ich bin neben anderen
Dingen auch weiß, deutsche Staatsbürgerin, Einwandererin
der zweiten Generation, heterosexuell, Vegetarierin, ältere
Schwester und Fan von Fernsehserien. Tendenziell werde ich aber
mit keiner dieser Eigenschaften in meinem Alltag so direkt und regelmäßig
konfrontiert wie mit meinem Frau-Sein. Wäre ich schwarz, homosexuell
oder hätte keinen deutschen Pass, wäre das wahrscheinlich
anders. Aber ich bin ja in jeder erdenklichen anderen Hinsicht privilegiert.
QUIO
Bei mir äußert sich das "Frau sein" in einer
ablehnenden Haltung aller eingrenzenden Definitionsversuche. Ich
versuche möglichst eindeutig uneindeutig zu sein.
Herr Wild
Ohne Frau kein Gesang.
Ohne Frau keine Beziehung.
Ohne Frau alles grau.
Ein Loblied auf alle Frauen - sowieso ...
Ohne Frauen - viel weniger Gespräche.
Frauen sind eine sehr große Inspirationsquelle.
Was löst es in Dir aus, wenn Du
zu dem thema frau befragt wirst?
Missy Magazine
Das kommt drauf an, wer fragt und in welchem
Zusammenhang.
QUIO
Wut. Abwehr gegen die anscheinende Notwendigkeit sich immer wieder
erklären zu müssen, nicht einfach selbstverständlich
zu sein, und gleichzeitig Erklärungsdrang, um die Emanzipation
voranzutreiben.
Herr Wild
Glamour!!!
Wenn ich nach Frauen gefragt werde, höre ich als Antwort ein
vielstimmiges Durcheinander, unterschiedlich hochfrequentes Stimmengewirr,
sehe interessante, beschäftigte, machende, aufmerksame, gut
riechende, schön anzusehende Frauen vor meinem geistigen Auge
vorbeiziehen, erinnere mich an intensive und belanglose Momente
und in diesem Moment freue ich mich, dass ich auf dieses Thema antworte!

Welches Tun verbindest Du mit - frau?
Missy Magazine
Erstmal alles, was mit der korrekten Performance
zu tun hat: Schminken, hübsch anziehen, nett lächeln.
Haare frisieren, Haare entfernen. Vermitteln, Zuhören, Empathie
zeigen. Dann: Kinder haben und erziehen. Nackt auf einer Couch liegen
und gemalt werden. Busen. Nackt oder halbnackt Werbung für
Dessous, Körperlotion, Mineralwasser, den STERN und Breitbandinternet
machen.
Ich wünschte, es wäre anders, dass meine ersten Assoziationen
zum Beispiel wären: Baum pflanzen, Gitarre spielen, Konzernführen,
Chefsein, Regalbauen, Weltretten. Aber die Frauenbilder aus ein
paar Tausend Jahren Kunst- und Menschheitsgeschichte haben in meinem
Kopf bleibende Schäden hinterlassen.
QUIO
Gebären.
Als Mädchen bekommt man Widersprüchliches zu hören:
man soll schwach sein, um von Männern gemocht zu werden und
nicht als Bedrohung empfunden zu werden. Als Beispiel fällt
mir ein Mädchen aus meiner Klasse ein, das beim Frosch-Sezieren
im Biologie-Unterricht aufgesetzt angeekelt das Klassenzimmer verließ.
Sie war bei Jungs die erfolgreichste und frühreifste von uns
allen. Ich fand diese Verhaltensweise total bescheuert.
Wenn Mädchen / Frauen die zugewiesenen, aber auch gleichzeitig
von Männern abgewerteten Verhaltensweisen (z. B. physische
Harmlosigkeit: "Du kneifst ja wie ein Mädchen!")
ablehnen, werden sie unattraktiv für Männer (natürlich
nicht alle und jeden, aber oft). Das hat mich sehr wütend gemacht.
Meine Schwester hat mir gesagt, dass sie als Kind niemals ein Mädchen
sein wollte. Bei den (noch immer) angebotenen Identifizierungsmöglichkeiten
kein Wunder. Pippi Langstrumpf war ein Tropfen auf den heißen
Stein. Ein bisschen besser ist es geworden, aber Kinderbücher
mit starken weiblichen Charakteren sind oft noch immer "Mädchengeschichten",
während Geschichten mit Jungs-Charakteren noch immer für
alle sind (z.B. Janosch). Es wird anscheinend normal gefunden, dass
Mädchen sich mit Jungs, aber weniger, dass Jungs sich mit Mädchen
identifizieren. Klar, Mädchen sind ja auch "doof".
Ich war erleichtert, dass mein Sohn ein großer Pippi Langstrumpf-Fan
ist. Aber nicht, dass er zunehmender Gewalt von Seiten der Jungs
in seinem Kindergarten ausgesetzt ist. Viele (auch durchaus sehr
gebildete) Mütter aus meinem Umfeld scheinen es noch immer
in Ordnung zu finden, dass Jungs Gewalttätigkeiten nachgesehen
werden. "Sie sind halt so" wird da resignierend festgestellt,
und ein gewalttätiges Umfeld (ich spreche von einem Kindergarten,
wo Gewalt keineswegs gern gesehen ist, und dennoch nicht immer zu
verhindern) fordert auch einen sich wehrenden Sohn. Wobei mir einfällt:
eigentlich wollte ich ja in diesem Interview nur über Männer
reden, haha. Und jetzt wo ich (copy / paste) am Ende bin, fällt
es mir auf, nächstes mal dann.
Zurück zum Gebären: Tatsache ist, dass Frauen während
der Geburt sehr viel stärkere Schmerzen ertragen müssen
als die meisten Männer in ihrem ganzen Leben, das Alter ausgenommen.
Aber da sind wir ja bei der angeblichen Passivität von Frauen:
wenn Frauen empfangen haben (kein Wort je davon, dass sich die weibliche
Eizelle ebenfalls bewegt), bekommen sie ein Kind, und kommen nicht
umhin, die Schmerzen der Geburt zu ertragen. Auch wenn sie dabei
in den Presswehen aktiv das Kind gebären (und dann selber das
Baby ernähren), wird das nicht als Stärke benannt, bzw.
als Leidensfähigkeit der Frau geehrt, aber auch bemitleidet.
Die Stärke von Frauen wird als passiv gedeutet und damit abgewertet.
Wenn hingegen Qual und Schmerz aktiv gesucht werden, sei es auch
noch so sinnlos, gilt es als bewundernswert.
Wie lustig wäre die Vorstellung, dass Frauen beabsichtigen
schwanger zu werden, um die Selbsterfahrung des Schmerzes zu durchleben.
Starke Frauen von heute sind stark mit Kaiserschnitt. Also in der
Umgehung von Schmerz. Oder sagen wir: um sorgfältige Distanzierung
vom tierischen einerseits ( was bei der Erniedrigung von Frauen
einen wesentlichen Anteil hat und hatte) und Erhaltung der Makellosigkeit
andererseits bemüht. Das wichtige ist wohl auch die Selbstbestimmung
des Geburtsvorganges, es geschieht nichts mit einem, sondern man
entscheidet sich wie die Schmerzen stattfinden sollen.
Charlotte Roche bemüht sich in ihrem Roman "Feuchtgebiete"
darum, ihre Protagonistin nicht rein und antiseptisch darzustellen.
Ich fand und finde das sehr wichtig.
Ich hatte bei der Femmes`R`Us-Ausstellung ein amüsantes Gespräch.
Auf dem Balkon neben der Ausstellungsfläche lief AGFs Stück
"Presswehen", in dem sie neben elektronischen Sounds auch
ihre Stimme einsetzt. Ein Freund und eine Bekannte hörten mit.
Meine Bekannte bemerkte als Erste: Das klingt ja so tierisch, wie
eine Kuh, das könne ja nicht von einem Menschen sein. Mein
Freund war überzeugt, es wäre ein Effekt auf der Stimme.
Er ließ sich nicht davon abbringen. Ich war überzeugt,
dass kein Effekt auf der Stimme war. Und dass das Tierische in der
Stimme gegenüber den realen Geräuschen westeuropäischer
Frauen während der Geburt, wie von mir selbst erzeugt und gehört,
noch stark untertrieben, sozusagen "Presswehen light"
waren.
Herr Wild
Schminken.
Welchen Wunsch hast Du das Thema frau
betreffend?
Missy Magazine
Dass das Thema "Frau" irgendwann keins mehr ist. Weil
wir in einer idealen gleichberechtigten Gesellschaft leben, in der
die Frage, ob ich ein Mann oder eine Frau bin, in etwa so wichtig
sein wird wie die, ob ich blaue oder braune Augen habe. Weil Frauen
dann ebenso gut bezahlt werden wie Männer, ebenso gute oder
schlechte Chancen im Job haben, mit ebenso vielen sexuellen Partnern
schlafen können, ohne dafür verachtet oder ermordet zu
werden. Weil es dann völlig selbstverständlich ist, dass
sie in Konzernvorständen sitzen, C4-Professuren haben, Schlagzeug
spielen oder einen technischen Beruf ergreifen.
QUIO
Dass mehr Männer die Notwendigkeit ihrer eigenen Befreiung
erkennen. Jungs durchlaufen in ihrer Sozialisation eine Kultur der
Gewalt. Die Notwendigkeit, als "weiblich" definiertes
Verhalten abzuwerten, um ein "echter" Mann zu sein, ist
ein selbstauferlegter Zwang, der die Begründung zur Unterdrückung
der "Frau" liefert. Ich wünsche mir, dass mehr Männer
verstehen, dass Gleichberechtigung auch für ihr Wohlbefinden
von entscheidender Bedeutung ist, und dass Mysogynie nicht nur Frauen,
sondern auch Männer einschränkt.
Und natürlich, dass ich irgendwann diese Fragen anders werde
beantworten können bzw. "die Frauenfrage" in Interviews
überflüssig wird. Ich freue mich schon auf die "Männerfrage"
und noch mehr auf ihre Abschaffung, die ich mit Sicherheit nicht
mehr erleben werde.
Herr Wild
Das es weniger unausgesprochene Fragen zwischen den Männern
und den Frauen gibt, dass es ein offenes ungeziertes Miteinander
gibt, dass Mann und Frau selbstverständlich mit sich - untereinander
und miteinander - umgehen.
 
Fotos 1, 4-7: Frau Feld
Foto 2: Vera Tammen/Missy Magazine

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