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#2 Heimat

Heimat (ahd. heimoti, zu Heim), allgemein die Umwelt,
mit der der einzelne durch Geburt oder Lebensumstände verwachsen
ist. Bes. im Deutschen begreift das Wort eine Gemütsbindung
ein, das Daheim-Geborgensein. Naturnahe Verhältnisse, verkehrsferne,
abgeschlossene Lage fördern das Heimatgefühl; es ist jedoch
weder auf die Naturlandschaft, noch etwa auf die schöne Landschaft
beschränkt. Die Klein- und Mittelstadt mit lokalem Geschichtsbewußtsein
bietet seit alters ein günstiges Klima für Heimatliebe
und Heimattreue. Aber auch moderne Industriestädte können
zur H. werden. Ebensowenig sind Familie und Herkunft für das
Heimatbewußtsein wesensnotwendig; Wahlheimat hat es immer
gegeben; Kinder von Heimatvertriebenen können schnell heimisch
werden, wenn die Umstände günstig sind. Andererseits kann
das Heimweh nach der verlorenen H. sich bis zu körperlichen
Krankheitserscheinungen steigern.
(Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden, 17. völlig
neubearbeitete Auflage des großen Brockhauses, 8. Band H-IK,
Wiesbaden 1969)
Geburtsort einer Person; Gemeinde, Land und Staat
denen jemand angehört.
(Meyers Handlexikon des Wissens, 1912)
Bezeichnung für den Geburtsort auch für
den Ort wo jemand sein Heim, d.h. seine Wohnung hat.
(Meyer Konversersationslexikon, 1895)

1 Musik
2 Interview: Andres Bosshard + Sarah Mamba + Herr Wild
3 Unser Magazin-Blog
mit weiteren Beiträgen zum Thema Heimat.
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1
Ohne Titel.
Zusammenarbeit: Andres
Bosshard hat uns zwei Audiofiles mit Geräuschen zu seiner
musikalisch-künstlerischen Heimat geschickt. Unsere musikalische
Heimat sind Geige, Stimme und Livesampling.

2
Interview:
Druckversion
Was verbindest Du zur Zeit mit Heimat,
was ist Heimat für Dich... nenne ein paar Assoziationen...
Andres Bosshard
Ich bin angekommen, zuhause, bin zusammen, mit
denen, die mich kennen, die ich kenne.
Häämetli nannten es meine Vorfahren. So ein kleines eigenes
Haus, mit Zimmerhöhe von 1,80. Mein Bruder hat grad eins erworben
in Wald, Appenzell. Ein Weberhaus, mit Werkstatt im Keller und Schlafzimmer
im schindelgedeckten Dachgeschoss.
Das ist der eine Teil meines Heimatdreiecks.
Herr Wild
Ruhe.
Vertrautheit.
Zu Hause sein.
Geborgenheit.
Wurzel.
...
Aufbruch und Rückkehr.
Familie und Freunde.
Sarah Mamba
Heimat ist für mich ein Platz an dem ich mich wohl fühle,
ich selber sein kann und sich die Wurzeln meines Lebens befinden.
Und ich glaube auch, dass ein Heimatort eigentlich nie wechselt.

Was bedeutet Heimat bezüglich
Deines Schaffens und oder Deines Alltags?
Andres Bosshard
Ich bin da, mitten in der Stadt,
in der Stadt, die tost und mich mitreisst. Ich liebe es, hier zu
schwimmen und diese Realität in all seinen Dimensionen zu erkunden
und hoffentlich auch mitzugestalten.
Hier bin ich zu hause - TokyoNewYorkHongkongBerlinVancouverLinzBenares
- , betreibe Stadtklangforschung, erkunde mögliche Klangbaustellplätze
und verhandle mit Stadträten, Studenten, Freunden, Nachtgängern
über eine neue mögliche Klangzukunft.
Das wäre der zweite Teil meines Heimatdreiecks.
Und der dritte?
Im inneren des Klangs, in steten verschwindenden Strömen, vom
Atem getragen, von der Luft verweht. Unendlich tief in Zeit und
Raum, und gleichzeitig unmittelbar vor mir, ganz nah und fein, mächtig
umfassend und unfassbar klein. Es fühlt sich an wie stetes
Reisen, wie fliegen, schweben, oder sich zusammenziehen und wieder
ausdehnen. Alle Gefühle gleichzeitig bergend, mein innerster
Ort, meine fernste unsichtbare Heimat.
Herr Wild
Hin und her fahren, unterwegs sein, von einem Ort zum anderen mit
einem Laptop oder Musikinstrument an unterschiedlichen Plätzen
mit unterschiedlichen und verschiedenen Menschen zu arbeiten prägt
meinen Alltag. Die vertraute Arbeitsumgebung am Schlagzeug oder
vor meinem Laptop gibt mir eine professionelle Heimat - da ich nirgendwo
auf notwendige Werkzeuge und Ausdrucksmittel verzichten muss.
Wenn ich Rhythmen gestalte oder Sounds entwerfe fühle ich mich
musikalisch zu Hause. Besonders das Schlagzeug kann ich als meine
musikalische Heimat bezeichnen.
Wenn ich in mir selbst Ruhe empfinde bin ich überall beheimatet.
Sarah Mamba
Die Heimat prägt meinen Alltag. Mein Schaffen aber ist abhängig
von neuen Eindrücken.
Was löst es in Dir aus, wenn Du
nach Heimat befragt wirst?
Andres Bosshard
Mein Heimatdreieck beschert mir einen wunderbaren
Fluss, ich sehne mich nach vorne, nach innen, ruhe aus, grad wo
ich bin und lache, wenn mir was auf die Nase fällt.
Ein Heimatwind weckt mich immer wieder auf und scheucht mich weg
ins Weite, nach Uchch zum Schrein der Prinzessin Bibi Jawindi, zu
den Fakiren von Bhit Shah, da finde ich eine meiner Quellen, aus
der ich auch aus grosser Ferne jede Nacht frischen Klang trinken
kann.
…..Bandladonga, Redriver, Wulp, Vedlà, Paradiesgärtli…..
Die Namen verwehen schnell und das geheimnisvolle Klopfen der Heizungsrohre,
das im Sommer nur ganz selten durch alle Räume meiner kleinen
Stadtwohnung hallt, gibt mir sofort das Gefühl hier zu Hause
zu sein.
Doch es ist fragil mein Heimatgefühl, zu schnell könnte
alles wieder verschwunden sein und sich auflösen.
Der Faden zur Erinnerung, zur Vergangenheit scheint dünn und
meine Intuition lässt mir das untrügliche Gefühl
zukommen, dass es darum ginge, diese dünnen Fäden immer
und immer wieder zu ziehen, sie zu verbinden und zu verweben. Erst
dann würde ein tragfähiger Teppich entstehen, auf dem
wir ankommen und mit dem wir dann weg- und weiterfliegen könnten.
Heimat wäre also der Ort, der immer gleich bleibt?
Aber wenn ich einen Ort, der mir ganz spezifisch in der Erinnerung
wach geblieben ist, aufsuche, hat er sich oft bis zur völligen
Unkenntlichkeit verändert, oder er ist gar verschwunden. Selbst
die Klänge von noch nie gehörter Musik, sind nie mehr
genauso, wie ich sie damals in den tiefnächtlichen Radioprogrammen
zum ersten Mal hörte. Zusammen mit der mir immer vertrauteren
Stimme des Moderators, schufen sie mir ein Stück Heimat, das
ich jetzt in mir herumtrage und immer wieder wachrufen möchte.
Herr Wild
Diese Frage berührt mich emotional und rational. Vielleicht
typisch deutsch?
Rational kommen in mir sofort Gedanken über ein zwiespältiges
Heimatbild auf: das romantisch verklärte Bild von Kreidefelsen,
Abendrot, nächtlichen Ruinen, dem Wald und der Mittelgebirgslandschaft;
das zerstörerische Heimatdenken in Frakturschrift und die durchdringende
Vermischung von Heimatgefühl und Nationalstolz.
Ich fühle mich geborgen und beheimatet, an einem Ort an dem
ich nicht sein muss, aber froh bin, dass es ihn gibt.
Sarah Mamba
Befragt man mich zum Thema Heimat, steigen in mir sofort Bilder
und Erinnerungen von Österreich, meiner Heimat, auf. Dies sind
meist schöne Dinge bzw. Situationen, welche ich dort erlebte.
Welches Tun verbindest Du mit heimat?
Andres Bosshard
Ein feines Gewebe aus Stimmlinien, aus rhythmisch
gegliederten Knotenpunkten, trägt meine
Gefühle, umgarnt sie, verhüllt sie, gibt sie manchmal
überraschend plötzlich frei. Zu fein, um laut darüber
zu reden, da sie im Moment nirgends in die Zeit zu passen scheinen.
Denn sie betreffen mein Sein und gar nicht so sehr meine nach aussen
gerichteten Tätigkeiten, mehr das Hören, als das Spielen.
Dann sind da die scheinbar unberührten weiten Landschaften,
ohne ein offensichtliches Anzeichen von zivilisatorischer Präsenz.
Eine planetarische Heimat. Unmöglichkeit in mehrfacher Hinsicht,
aber das Gefühl ist stark. Woher kommt es?
Losgelöst von allen alltäglichen Verknüpfungen.
Im Grunde das Gegenteil von vertrautem Zuhause hier.
War ich schon einmal dort?
So wird mir meine Heimat zum unauflösbaren Rätsel, das
mich durchzieht, das jeden Ort, den ich je besuche, mit all den
Personen, die mir begegnen, wieder und wieder verschlingt.
Seltsam, die scheinbare Vertrautheit verschleiert den Blick für
den Raum, im Inneren wie im Äusseren.
Herr Wild
Ich sitze an einem Schlagzeug und spiele. Neben mir steht ein Computer
und zeichnet die Informationen auf, die ich durch mein Spiel in
die Mikrophone erzeuge. Mit verschiedenen digitalen Techniken werde
ich aus den Informationen eigene Sounds und Rhythmusspuren gestalten.
Die Spuren werden mit Aufnahmen in der näheren Umgebung erweitert
und zu einem Musikstück ergänzt, dass über mehrere
Boxen wiedergegeben wird.
Nachher sitze ich mit Freunden im Freien und freue mich über
die Gemeinschaft, das Essen, die Landschaft, die Stimmung und die
uns umgebenden Geräusche.
Sarah Mamba
Für mich sind das Skifahren, wandern, kochen und Skispringen
schauen.

Welchen Wunsch hast Du das Thema heimat
betreffend?
Andres Bosshard
Es scheint mir, als wäre ich nur ein Gast hier, zuhause auf
Zeit, die Heimat ein vorläufiges Geschenk, das wir weitergeben.
Jedes Mal wenn ein Geschenk weiterverschenkt wird, nimmt sein Wert
zu, sagen die Haidas.
Also wäre Heimat nicht ein schwindendes schwaches Licht, sondern
ein immer wieder neu zu schaffender gemeinsam zugänglicher
Raum, der uns beherbergt, so wie wir sind und nicht bloss dann akzeptiert,
wenn wir diese oder jene Bedingung erfüllen.
Soviel ich sehe, ist das aber ziemlich das Gegenteil von dem, was
heute die Realität beherrscht. Darum zögere ich heftigst,
das Wort Heimat zu leichtfüssig zu debattieren und hoffe auf
Zeit, auf viel viel mehr Zeit, als wir heute zu haben scheinen.
Heimat wächst langsam, über mehrere Generationen, es wäre
die Blüte eines kontinuierlichen Stromes von mindestens 400
Jahren. Soviel zeitliche Tiefe und geistige Weite wünschte
ich mir um tief atmen zu können. So bleibt für mich Heimat
eine kleine vorläufige Insel, die zwischen den Himmeln hin
und her driftet.
Herr Wild
Heimat sollte kein sehnsüchtiger Ort der Vergangenheit sein.
Jeder Moment - unterwegs und zu Hause - sollte heimatliche Gefühle
wecken und die Freude vermitteln, in diesem Moment, an diesem Ort
zu sein.
Wenn es eine lexikalisch-begriffliche Definition gibt (nach dem
Geburtsort oder dem Ort des Elternhauses), sollte diese auch emotional
fassbar sein;
das Verklärende und Nostalgische auflösen, die Sehnsucht
nach "dort" und "damals" transformieren in ein
bewusstes Erleben, in ein augenblickliches "Hier" und
"Jetzt".
Sarah Mamba
Ich wünsche jedem Menschen, dass er seine eigene Heimat findet
und hoffe, dass die Traditionen seiner Heimat nicht verblassen.


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